Ästhetischer Schwerstfrevel am Bahnhof Kühlungsborn. Welcher Geschmacksverbrecher hat diesen unsäglichen Strandkorb an den Bahnhof gestellt? Der Gesamteindruck dieses wundervollen roten Klinkerbaus von 1910 wird dadurch komplett zerstört. Wenn ich sowas sehe, bin ich nicht mehr grundsätzlich gegen Prügelstrafe.
Ansonsten ist Kühlungsborn aber sehr schön, herrlicher weißer Sandstrand, gepflegte Kurpromenade, schicke Restaurants.
Stilvoller Reetgedeckter Konzertgarten.
Das Gesamtensemble von des Ostseebades Kühlungsborn ist für mich ein regelrechter Jungbrunnen. Natürlich wegen der herrlichen Seeluft und des erfrischenden Ostseewassers, das locker noch 17 Grad hat. Aber vor allem wegen des Publikums. Angesichts des vorherrschenden Altersdurchschnitts, des eher im unteren einstelligen Bereich angesiedelten Schritttempos und des oft im dreistelligen Zentimeterbereich angesiedelten Bauchumfangs des Publikums komme ich vor wie eine Mischung aus Apoll und George Clooney.
Das ist natürlich charakterlich etwas armselig und das erzähle ich nur Ihnen im Vertrauen, liebe Leserinnen, mit der Bitte, es für sich zu behalten. Das ist ist ja nur ein Reisetipp hier. Ich kann Kühlungsborn wirklich empfehlen für reifere Jahrgänge.
Wobei ich mich angesichts dieser Warntafel im Konzertpark allerdings frage: What the fuck geht da ab in Kühlungsborn, wenn die Dämmerung hereinbricht?
Segregation, räumliche Trennung von Personengruppen fördert Spaltung, Diskriminierung, Ablehnung. Menschen verschiedener Herkunft und sozialem Status sollten zusammenleben, um Verständnis und Integration zu fördern. So heißt es allgemein. Ein probates Mittel auch in der Abwehr von Faschismus- Sollte man meinen. Rein zahlenmäßig ist das im Stadtteil Hannover-Mühlenberg für hiesige Verhältnis ideal gelöst. Der Ausländeranteil beträgt über 50 Prozent.
Das Ergebnis der faschistischen AfD bei der Kommunalwahl Niedersachen am 13.09.26 in einem Wahlbezirk dort liegt bei 38,2 %, weit mehr als dreimal so hoch wie in der Gesamt-Stadt. Die Wahlbüros für diesen Bezirk liegen in der Leonie-Goldschmidt-Schule.
Leonie Goldschmidt war eine jüdische Reformpädagogin, die 1939 vor den Faschisten in Deutschland fliehen musste. Dass jetzt faschistische Wähler*innen posthum ihr Andenken in den braunen Dreck ziehen, lässt mich hoffen, dass die vielzitierte KI mit der Inszenierung des Weltuntergangs im Mühlenberg beginnen möge. Natürlich unter Aussparung aller demokratischen Kräfte, die vorher ins Exil gebracht werden müssen. Am besten nach Hannover-Linden, ein sich selbst als Miniatur-Kreuzberg gerierender Stadtteil, was aber nur ein trostloser Witz ist.
Es scheint also eher so (scheinheilige Formulierung, es ist so!), dass das materielle Sein das ideologische Bewusstsein bestimmt und nicht so sehr eine nationale Herkunft. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass Hannover-Mühlenberg die mit weitem Abstand höchste Armutsquote in ganz Hannover besitzt, mit fast 50 Prozent.
Leider hat auch in diesem Bezirk die Wahlbeteiligung deutlich zugenommen. Vorher ist da kaum noch ein Schwein wählen gegangen, jetzt über 30 Prozent. Das zahlt wie überall fast ausschließlich auf das Konto der AfD ein. Das ist kein wundervoller Ausdruck von Demokratie, wie es manche verwirrte Kommentatoren-Schwachköpfe in Mikrofone erbrachen, sondern legt die Axt nicht an die Schwachköpfe, sondern an die Wurzeln der Demokratie und muss bekämpft werden. Militant und radikal, am besten mit einer AK 47. Dieses Sturmgewehr sowjetischer Herkunft funktioniert unter allen Bedingungen, Wasser, Sand, und sicher auch im Beton von Mühlenberg.
Ich selbst bin leider technisch unbegabt, vertrage keinen Lärm und treffe auf 5 Meter noch nicht mal ein Haus. Von daher bevorzuge ich filigranere Mittel wie Anti-Wahlkampagnen, die möglichst viele Menschen vom Wählen abhalten sollen. Am liebsten wäre mir, nur noch ich ginge wählen, das würde auch eine Menge Kosten ersparen. Bevor es soweit ist, hier ein erster Plakat-Entwurf, siehe oben.
Sie, liebe Leserinnen, können mir gerne Vorschläge zusenden, was eventuell an Text noch in das leere Feld im unteren Drittel kann. Meine Ideen wie: Wählen macht impotent, oder: Vom Wählen kriegt man Pickel, überzeugen mich noch nicht.
In all dem Elend bleibt als Trösterin die Kunst. Dazu ein Ausstellungs-Hinweis:
„Night“, Maurizio Cattelan, Neue Nationalgalerie, Berlin, bis 07.03.2027. Hier ein Einblick
Mein Prädikat: Absolut sehenswert
Über dem Eingang trommelt Oskar Matzerath Besucher*innen den Marsch, umgeben von lauter ausgestopften Tauben.
In den Ausstellungsraum durch einen Nachbau vom Brandenburger Tor
Drinnen kniet der ewige Adolf.
Abschließend etwas völlig anderes, ein Zitat aus der aktuellen PM des von mir sonst überaus geschätzten Statistischen Landesamtes Niedersachsen über Prostitution in Niedersachsen:
Richtig ist allerdings, dass ich bis vor zwei Jahren die DB verteidigt habe, aber mittlerweile ins Lager der DB-Schmäher übergewechselt bin. Die Bahn schafft es spielend, selbst vom Startbahnhof Berlin aus mit einer halben Stunde Verspätung zu beginnen. Von Hannover aus hat sie ihre Bemühungen um einen Ansatz von Pünktlichkeit komplett eingestellt. Und das Schönste daran ist die Perspektive: Ich werde nicht nur nie mehr in meinem Leven (ein grauenhafter Satz) die DB-Pünktlichkeit der 80er erleben, mit Dampfloks, siehe oben, sondern eine sofortige, tiefgreifende und nachhaltige Verschlechterung des absolut inakzeptablen Ist-Zustandes. Ab Oktober wird der Korridor Hannover-Berlin generalsaniert. Bis Ende 2027. Also auf ewig. Die Strecke führt dann über Magdeburg. Die angedrohte Verspätung beträgt 80 Minuten. Also werden es 2 Stunden. Plus die Verspätungen, die dazu kommen, weil die Strecke über Magdeburg zusätzlich im Regelverkehr mit dem bisher ungekannten Volumen von Hannover-Berlin belastet wird. Im Schnitt kommt da locker nochmal eine Stunde drauf. Dann sind wir bei drei Stunden, die zusätzlich zur normalen Fahrzeit Hannover-Berlin von 1.45 anfallen. Insgesamt 4 Stunden 45 Minuten.
Da bin ich schneller auf den Kanaren.
Für das Radrennen Mailand-San Remo, mit ca. 280 km so lang wie die Strecke Hannover-Berlin, benötigen Profis ca. 6 Stunden. Ich fange Morgen an, zu trainieren.
Ich bedaure es aus tiefer und ehrlicher Seele, dass es keine Direkt-Flugverbindung zwischen Hannover und Berlin mehr gibt. Allerdings gibt es einen Flug am 23.09., mit Umsteigen. Insgesamt 8.20 Stunden. Warum nicht? Geht über Istanbul.
Das oben im Bild ist übrigens die bezaubernde Bäderbahn zwischen Kühlungsborn und Bad Doberan. Spitzname Molli. Molli? Da war doch was ….
Ein guter Witz. Über den ich besser lachen könnte, wenn ich wüsste, wie die Pointe endet. Ich tröste Sie (und mich), liebe Leserinnen, derweil mit KI-Bildern vom Autor dieses Blogs, die mein Freund Achim gepromptet hat. Ohne den es diesen Blog nicht gäbe.
Früher hätte mich die Frage, welcher von beiden Lösungen ich zuneige, noch beschäftigt. Respektive wäre das überhaupt keine Frage gewesen.
Heute will ich nur noch pünktlich von A nach B. Apropos: Danke Achim B.
Imbiss, Kreuzberg, bei uns im Haus. Hades genannt. Weil danach nur noch die Unterwelt droht. Ich versuche, die Geschichte des Hades und seiner Besucher*innen zu schreiben, irgendwann ist diese Oase von Mühseligen, Beladenen und Unterdrückten Geschichte, der Hades dichtgemacht und die Gäste auf die umliegenden Kioske verstreut. Wobei immer mehr sterben oder hinfällig werden. Ich war immer davon ausgegangen, dass da überwiegend materiell eingeschränkte Gäste verkehren. Das stimmt nur teilweise. Neulich kam ich mit dem Finnen ins Gespräch, ich erwähnte das KaDeWe, die 6. Etage, Paradies für Gourmets. Also Leute mit Geld. Worauf er mich darauf hinwies, dass jeden Dienstag da in der Champagnerbar „Zwei für Eins“ Tag ist, zwei Flaschen Champagner zum Preis für eine . Das würde er regelmäßig mit Freunden wahrnehmen.
Gschichten aussem Hades, davon gibt’s Dutzende.
Kleine Fluchten angesichts des unaufhaltsamen Faschismus im Lande. Ich habe tatsächlich ab und zu die politische TV-Berichterstattung angesichts der SA-Wahl geschaut, was ich normalerweise bei Wahlen nie mache, weil das Geplärre dort so erwartbar ist wie der morgendliche Stuhlgang. Ich war an der Metaebene interessiert, wie schnell wird wachsender Faschismus im öffentlichen Diskurs zur Normalität, in Äquidistanz, gleichberechtigt zu anderen Positionen. Ich sach mal: So schnell kannste garnich gucken, wie das normal wird.
Die öffentlich ausgestellte Dummheit grenzt an Irrsinn. Oder Schlimmeres. Der Alfred E. Neumann der Politik, Philipp Amthor, behauptet allen Ernstes, die „Reformen“, heißt: Die Zerschlagung des Rest-Sozialstaates, müssten nun schneller vorangetrieben werden. Das würden die Leute erwarten.
Nun hat auch der gröbste Vollidiot schon am Walabend begriffen, dass die Faschisten unter anderem deshalb gewählt wurden, weil der Mob Angst vor den „Reformen“ hat, die zur Zeit seine Existenz bedrohen. Die Empfehlung von Alfred E. Amthor ist ungefähr das Gleiche, als ob man Leuten, denen schon vom Lesen des Beipackzettels einer Medizin sterbenselend wird, empfiehlt, sofort die dreifache Menge der empfohlenen Medizin-Menge zu schlucken.
Ich kann mir das nur so erklären, dass Alfred E. Amthor Drogen nimmt. Normal sieht der ohnehin nicht aus und jetzt gleitet er ins Delirium. Ich lade ihn mal zu einem Diskussionsabend im Hades ein. Da sitzen einige Experten in der Sache. Was „Reformen“ angeht. Nicht Drogen! Was dachten Sie denn….
Gendarmenmarkt Berlin. Neugestaltet, nach altem Vorbild. Vollversiegelt, Grünanteil gegen Null, Temperaturen im Sommer über dem Beton vermutlich über 50 Grad. So kann man bei Stadtplanung auch mit der Zukunft umgehen. In Berlin muss alles bei Neuplanung immer nach vorgestern aussehen. Oder gleich Scheiße. Wer sich am Hauptbahnhof auf dem Europaplatz umschaut, möchte die Stad am liebsten gleich wieder verlassen, so grauenhaft sehen die Betonklötze da aus. Herrliche Zeiten waren das, als da noch die Ödnis des Mauerstreifens herrschte.
Eine Gesellschaft kann man mit Stadtplanung auf den Hund bringen, oder direkt mit Wahlen. Die Kommentare für das Wahlergebnis in SA (woher kommt mir das Kürzel so bekannt vor? Für Samstag? Südafrika? …) heute Abend sind schon geschrieben, in drei Versionen:
1. Die AfD liegt deutlich unter 40 Prozent. Überschrift in der Bürgerpresse: Die Vernunft hat gesiegt. 2. Die AfD hat um die 40 Prozent, aber keine absolute Mehrheit. Überschrift: Jetzt ist die Stunde der Demokraten gekommen. 3. Die AfD hat die absolute Mehrheit. Überschrift, je nach politischem Bürgerlager: Nacht über Deutschland. Oder: Noch ist Deutschland nicht verloren. Oder so ähnlich.
Verloren ist bei der Bürgerpresse wie üblich Hopfen und Malz. Wovon man gar nicht ausreichend genug in flüssiger Form zu sich nehmen kann, um sich das Wahlergebnis schön zu saufen. Das ist, egal wie es ausgeht, eine Katastrophe. Selbst wenn die AfD unter 40 Prozent bleibt, ist Sachsen-Anhalt, sind weite Teile des Ostens, einer faschistischen Alltags-Hegemonie unterworfen, die bereits jetzt, unter den Bedingungen einer noch formal funktionierenden bürgerlichen Demokratie, Demokrat*innen, Migrant*innen, Antifaschist*innen, Jüd*innen die Koffer packen lässt. Die Bedrohung im Alltag ist so militant und umfassend, wie ich in meiner Berliner Blase oder im – noch – sicheren Westen mir das nicht vorstellen kann. Die medialen Schilderungen reichen mir allerdings, um zum wiederholten Mal die Reichsexekution zu fordern . Die wurde 1923 von Reichspräsident Ebert, SPD, eingesetzt, um die Thüringer KPD/SPD-Regierung durch das Militär abzusetzen. Heißt Heute Bundeszwang. Also einmarschieren und alle AfD-Kader festsetzen, kasernieren, umerziehen. Deren Wahlmob gleich mit. Ich hab das vor Jahren schon hier im Blog gefordert, aber auf mich hört ja kein Schwein.
Gottseidank.
Der Westen ist dabei, das Ostdesaster nachzuholen. Eine Angleichung der Lebensverhältnisse, von der keiner der Architekten (fast alles Männer) der doitschen Einheit geträumt haben dürfte. Wobei eine lebensweltliche und ökonomische Angleichung auch in 100 Jahren nicht stattfinden wird. Nord- und Süditalien sind heute noch, 150 Jahre nach der Einigung Italiens, sich fremde Kontinente. Bruttoinlandsprodukt und Einkommen sind im Norden ca. doppelt so hoch. Und Belgien besteht heute, 200 Jahre nach der Einigung, aus drei verschiedenen, staatenähnlichen Gesellschaften, plus Brüssel.
Großbritannien zeigt uns den Weg: Aufspaltung, Abspaltung.
Noch 8 Stunden, dann ist die Bürgerpresse schlauer. Sie, liebe Leserinnen, sind es jetzt schon. Bitte. Gern geschehen.
Zugewucherte Parkbank mit Kühlschrank. Bei mir vor der Haustür im Kreuzberger Bergmannkiez. Nicht gerade das, was man ein „Problemviertel“ nennt. Trotzdem sieht es da immer öfter aus wie bei Hempels unterm Sofa. Das Grün hinter der Parkbank war monatelang abgesperrt wegen akutem Rattenbefall und ausgelegten Giftködern.
In Berlin wird am 20.09 das Abgeordnetenhaus neu gewählt und der Müll in der Stadt ist ein zentrales Thema. Selbst die Linke hat das aufgegriffen. Früher hat mich, anders als Heute, Müll im Stadtbild nicht besonders gestört und die Diskussionen darum fand ich meist ärgerlich bis kontraproduktiv. Das aufgeregte Geschnatter des Bürgertums hatte mitunter was verbal Amokhaftes. Nie wurde nach Ursachen gefragt, nie nach sozialverträglichen Lösungen. Am liebsten wollte der Bürgermob das Problem wegkärchern. Also den Müll weg auf die Halde und all den in ihren Augen menschlichen Müll gleich mit. Also die Opfer der Spaltung der Gesellschaft, die immer zahlreicher werdenden Obdachlosen, die notgedrungen ein anderes Sauberkeitsverhalten an den Tag und an die Nacht legen müssen als Frieda Normalverbraucherin, gleich mit.
Die oberflächliche und oft asoziale Art, in der die Mülldiskussion geführt wird, nervt mich noch immer. Der Müll als solcher aber zunehmend auch. Also lausche ich in mich hinein und frage mich: Liegt das an der wachsenden Müllmenge in der Öffentlichkeit? Liegt das an meiner altersbedingt veränderten ästhetischen Wahrnehmung? Oder, was zweifellos die angemessene Entrüstung wäre, an der zunehmenden Verwahrlosung unserer Gesellschaft grundsätzlich, die sich einen Dreck (sic!) um die Verlierer*innen des wachsenden kapitalistischen Rattenrennens kümmert. Sondern, typisch bürgerlich, immer nur an der Oberfläche der Symptome kratzt.
Natürlich ist die Berliner Linke wie in vielen Bereichen auch hier auf der richtigen Spur, indem sie strengere Bußgelder und eine Videoüberwachung von derartigen Spots wie oben ablehnt, sondern unter anderem auf eine Stärkung der Stadtreinigung setzt.
Aber leider, und das macht alle sympathischen Ansätze der Linken auf vielen Politikfeldern zunichte, leidet gerade die Berliner Linke unter einem ganz erheblichen innerparteilichen „Müll“problem, nämlich einem massiven Antisemitismus vor allem, aber nicht nur, ihrer Neuköllner Gliederungen. Da Antisemitismus wahnhaft ist, gibt es für diesen Konflikt keine Lösung, außer die Antisemit*innen aus der Partei zu schmeißen. Das wird nicht passieren, dazu ist diese Strömung zu stark. Das dürfte die Linke ihre Position als derzeit umfragenstärkste Partei in Berlin kosten und die Bildung einer fortschrittlichen rotgrünroten Koalition verhindern. Im Verbund mit der Enteignungsfrage von Vonovia und anderen werden SPD und Grüne eine Koalition mit der CDU bevorzugen. Für die SPD der nächste Schritt in die Bedeutungslosigkeit. Enteignungen sind für die SPD sozialistisches Teufelszeug und mit Sozialismus haben die Genoss*innen nun aber auch gar nichts mehr am Hut. Mir ist das ehrlich gesagt egal. Hauptsache der Kühlschrank kommt da bald weg. Und ich würde mich freuen, wenn ich mich, wie so oft, in meiner Einschätzung der Lage und der Perspektive täusche.
Zu erwähnen bleibt, dass die Aufführungsgeschichte des Theaterstücks „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von Rainer Werner Tonnenknüpfer aus den Siebzigern von massiven Antisemitismusvorwürfen begleitet wurde.
Die Auseinandersetzung mit Schmutz, Unrat, Dreck, Müll scheint in der deutschen Seele an etwas Fundamentales zu rühren. Wenig ist der bürgerlichen Gesellschaft so zuwider, wie jener Dreck, den sie fortwährend unter ihre eigenen Teppiche kehrt.
Schauvitrine im „Werkbund Archiv – Museum der Dinge“, Berlin . Ein Museum, das sich der industriellen Massen- und Warenproduktion des 20. und 21. Jahrhunderts widmet. Ich hatte die kleine Beschriftung „Stimulierend“ oberhalb der Vitrine übersehen und rätselte einen Moment. Sieht ja auf den ersten Blick auch aus wie eine Mischung zwischen Lippenstiften und Malerspachteln. Nach einem sachdienlichen Hinweis meiner Begleiterin wollte ich erst einwerfen „Aber da fehlt doch ein ..“, dann fiel mir rechtzeitig ein, dass das wohl ein eher männlicher Blick auf die Sachlage wäre, ich schluckte die Bemerkung runter. Komische Formulierung, aber ich lass das mal so stehen, hier geht’s ja nicht um den Büchnerpreis.
Nebenan in der Vitrine ein Kaufmannsladen, da werden Erinnerungen wach.
Die aktuelle Ausstellung „Gestalten für Berlin – Design aus der Kunsthochschule Berlin-Weißensee“ ist absolut sehenswert, wundervolles Design aus Weißensee für Ost und West im Laufe der Jahrzehnte.
Für die, die noch Kohleöfen besitzen, ein aktueller sachdienlicher Hinweis. (78.000 Haushalte in der BRD heinzen noch so, vor allem in Berliner Altbauten).
Mokkaservice „Madeleine“, 1965, vom legendären VEB-Porzellanwerk Freiberg. Leider hat mein Handy den Mops dahinter schärfer fokussiert, vielleicht spukte mir noch der Malerspachtel durch den Kopf.
Auf meine „To see Liste“ hatte ich das Werkbund-Archiv beim Flanieren gesetzt. Nachdem es aus SO 36, der Oranienstr., weggezogen war, hatte ich es aus den Augen verloren und neulich in der Leipzigerstr. wiedergesehen. Die Leipziger Str. ist geprägt vom sozialistischen Wohnungsbau, Platte und hoch. Gemeinhin als hässlich betrachtet und keinen Touri oder Flaneur zieht es da hin.
Ein Grund mehr für mich, dort zu flanieren, die Brüche und Schönheiten im Kleinen zu entdecken, der Seele Ostberlins nachzuspüren. Und eben sowas wie den Werkbund wiederzuentdecken und den dann später gezielt aufzusuchen. Flanieren ist ja immer ohne Ziel, Ziele werden höchstens dabei für später notiert. Ein paar Gedanken zum zeitgenössischen Flanieren können Sie gerne hier nachlesen. Ich trage mittlerweile beim Flanieren keinen Rucksack mehr. So ist es unbeschwerter, der Atem, die Gedanken, Wahrnehmungen, Empfindungen fließen freier durch Kopf und Körper. Gegen den Sommerdurst gibt es an jeder Ecke einen Späti und später den Hades, unseren Imbiss im Haus. Das Flanieren ist auch eine kleine Flucht aus dem Geprassel der Nachrichten, dabei entziehe ich mich quasi therapeutisch meiner Handysucht.
Aber natürlich haben auch aktuelle Nachrichten ihren Reiz. Die Meldung „SPD-Fraktion fordert Zerschlagung mächtiger Ölkonzerne“ hat etwas irrlichternd grotesk-komisches. Im ersten Moment hatte ich, Ostberlin geprägt, gelesen: „SED-Fraktion …. “ , aber die gibt es ja leider nicht mehr. Die SPD muss wirklich sehr verzweifelt sein angesichts dramatischer Abstürze in den Umfragen, wenn sie sich auf derart aussichtloses Terrain begibt. Aber, Genoss*innen, ich stehe da voll hinter Euch!
Allerdings liegt mir der nächste Besuch im Werkbund näher. Vielleicht gibt es zu besagter obiger Vitrine eine Handreichung, aus der die ganzen Einsatzgebiete und Funktionsweisen deutlicher werden. Da tapp ich stellenweise doch im Dunkeln…
Alle Jahre wieder, Parkfest im Park Gleisdreieck, bei mir vor der Hautür. Da wird mir meine privilegierte Wohngegend bewusst: Mitten im Bergmannkiez – leider in allen Kiezrankings auf Platz 1 oder 2, entsprechend belagert von der Jugend der Welt -, im Westen die charmante Gegend um die Kunsthochschule, wo auch schon David Bowie und Iggy Pop hausten, im Osten SO 36, und ansonsten umgeben vom Viktoriapark, an den sich die riesige Freifläche Tempelhofer Feld anschließt, und vom besagten Park Gleisdreieck, über 30 Hektar auf dem Gelände des ehemaligen Anhalter und Postbahnhofes. Einmal im Jahr veranstaltet irgendein Plärrsender da sein Fest, umsonst und draußen. Laue Sommernächte, Popmusik, fremdländische Küche, Comedy.
Bei Kabarett treten die Künstler*innen nach oben, bei Comedy nach unten. Unangenehm fiel beim Parkfest ein Zeitgenosse namens Wischmeyer auf, ein von den gesellschaftlichen Veränderungen überforderter weißer, alter Mann, der pöbelnd, krakeelend und witzelnd unter anderem auf irgendein armes Verkäuferwürstchen eintrat, das sein Gestammel nicht richtig verstanden hatte. Das Ganze war irgendwo zwischen, Zitat „Pimmel“ und „Struller“ angesiedelt, hatte etwas zutiefst regressives und vergällte mir für zehn Sekunden den Abend. Beschreibt aber die Fallhöhe des deutschen Humors und den Zustand einer Gesellschaft, die sich überwiegend von Psychopharmaka ernährt, ganz gut.
Leitbilder dieser Gesellschaft sind unter anderem, und hier wird es regelrecht würdelos, Geisterbahngestalten wie diese hier. Weiße, alte Männer, die sich mit dem Schicksal des allmählichen Verfalls nicht abfinden können. An ihnen ist alles falsch, die Haare, die Zähne, das Gesicht, das Leben. Carsten Maschmeyer, der mit seinen AWD-Drückerkolonnen zehntausende Anleger*innen schädigte , bis in den Ruin trieb, und Jürgen Klopp, Fussballtrainer, der wie ein Untoter durch alle TV Werbesendungen geistert und jedem das Glotzen final vergällt, der auch nur einen Funken Geschmack besitzt. Figuren wie Klopp sind einer der Gründe, warum ich selbst einer von Stalin angeführten Sowjet-Auswahl in einem Fussballspiel gegen die Ostgoten die Daumen drücken würde.
Gerade hat die Kriegssaison wieder angefangen, die Bundesliga. Die Ultras verwandeln die Stadien der Republik permanent in eine Gewaltzone, mit lebensgefährlicher Pyrotechnik, mit Schwerletzten jedes Wochenende bei Schlägereien und Überfällen, verwüsteten Züge und Innenstädten. Es gibt ca. 25.000 gewaltbereite Ultras, die zwar im Verfassungsschutzbericht am Rande erwähnt werden und einmal im Jahr in der Presse thematisiert werden, nämlich zum Start einer neuen Saison. Aber ansonsten ist das kaum ein gesellschaftliches Thema.
Man stelle sich vor, gewaltbereite Linksextreme (ca. 11.000 laut Verfassungs-schmutzbericht) würden die Republik permanent derart terrorisieren wie es Ultras jede Woche praktizieren, es würden wöchentlich Blutbäder sonder Zahl stattfinden mit Dutzenden erschossenen Linksextremen.
Mag ja sein, dass dieser bis auf wenige Ausnahmen immer auch faschistisch konnotierte Fußball-Terror eine Art Katharsis-Ritual bildet, in denen die mörderischen Männerphantasien zigtausendfach regelmäßig halbwegs kanalisiert und geläutert werden. Die sich sonst permanent als Bürgerkrieg in der ganzen Republik abreagieren würden, so dass sich ansonsten Frauen, Schwule, Diverse, Jüd*innen überhaupt nicht mehr sicher auf den Straßen bewegen könnten. Trotzdem sollte öfter mal seitens des Repressionsapparates von der Schusswaffe Gebrauch gemacht werden.
Oops, da ist wohl meine Phantasie mit mir durchgegangen.
Enden wollen wir versöhnlich-melancholisch mit dem allmählichen Abschied vom Sommer. An einem Abend spielten bei obigem Parkfest überlebende Reste von Ton Steine Scherben.
Im Publikum klassische Gesamtschullehrer mit Rio-Tournee-T-Shirts, aber auch einige prekäre Existenzen, die aus der SO 36 Revolte von damals nicht den Absprung gefunden hatten. Wermutstropfen in einem ansonsten sehr charmanten Sommerabschied, umsonst und draußen.
Bis zum 01.10.2026 läuft die Aktion Volksbad der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Ostberlin noch. Eine absolut geniale öffentliche Intervention des neuen Intendanten Matthias Lilienthal. Für die er prompt rassistische Drohungen erhielt, weil er an einem Tag Schwimmen nur für Menschen schwarzer Hautfarbe ermöglichen wollte. Das musste aus Sicherheitsgründen abgesagt werden. Besser kann Kunst die Brüche und Verwüstungen der Gesellschaft nicht ins Bild setzen.
Ich habe dafür ein Zeitfenster ergattert.
Die Zeitfenster im Internet sind auch auf Grund des medialen Echos dieser Aktion immer ausgebucht. Tipp: Gegen 10 Uhr einfach hingehen und nachfragen, die haben immer ein Kontingent an Plätzen für spontane Besuche. Das Schwimmen in dem 25 Meter Becken hat vor dem Hintergrund der Volksbühne mit der Silhouette des Fernsehturms und dem Panorama des Rosa-Luxemburg-Platz einen ästhetischen Eigenwert. Dieser Platz mit seiner linken Infrastruktur atmet wie ein Biotop einen Hauch von Sozialismus. Hier hat die Linke ihr Hauptquartier, die Tageszeitung junge welt ihren Sitz, das Babylon Kino macht hier linkes Kino und zahlreiche Projekte haben ihren Sitz hier.
Hinterher gab es Volksbad-Pommes und Fritz Cola und das Ganze war nebenbei herrlich erfrischend, denn es war mal wieder heiß in Berlin.
Nachtrag, spontan, was ich selten mache: Glühwein to go. Im Berliner Nikolaiviertel. Hier geht’s gerade in Richtung 30 Grad….
Dry aged, 28 Tage. 99,50 Euro. Nicht der ganze Ochse, sondern ein Kilo. Gesehen in der hannöverschen Markthalle, wo ich ab und zu mal Grillwürstl einkaufe. Ungeachtet der Tatsache, dass Tierhaltung klimaschädlich ist.
Aber da Bundeskranzler Pinocchio nur drei Prioritäten in seiner Politik kennt, nämlich Wachstum und Wachstum , muss ich mir um das Wetter keine Sorgen machen. Regnet doch sowieso gerade. Was die Leute immer mit ihrem Klima haben. Gut, neulich war es mal wieder warm, aber warm war es früher auch. Als ich noch jung war…
Ich kriege gerade die erste Verspätungsmeldung für DB nach Berlin. Früher, siehe oben, habe ich die Bahn immer verteidigt. Mittlerweile bleibt mir angesichts des chronischen Desasters nur noch der Griff in meine mobile Witzothek :
„Fahrkartenkontrolle in der Regionalbahn. Opa zeigt dem Kontrolleur sein Ticket.
Der sagt: „Das ist ja ein Kinderfahrschein.”
Opa: „Da sehen Sie mal, wie lange ich auf die Bahn warten musste!”
Ein echter Brüller. Nichts für Pendler*innen.
In Vorbereitung auf Berlin war ich am Wochenende in der hannöverschen City. Ein Riesenpolizeiaufgebot. Kein Vorkriegszustand wie Fussball, sondern Wahlkampf
AfD. KfZ-Kennzeichen H-XS 127.
FDP. Ich griff mir einen Kochlöffel da ab, bei den demokratischen Parteien nehme ich alles mit, was ich kriegen kann. Kochlöffel eignet sich gut zum Versohlen. Der Kandidat, dick und hässlich, salbaderte mich getragen voll: „Wählen mit Verstand.“ Ich: “Ja. Deswegen wählt Euch ja auch keiner mehr.“ In das perplexe Schweigen der gelbliberalen Schranzen am Stand griff ich mir noch einen Kuli und verzog mich zum Stand eines hiesigen Wohlfahrtsverbandes, wo mein Übermut gedeckelt wurde. Den Verein kenne ich noch aus meiner aktiven Zeit und so scherzte ich mit der Geschäftsführerin. Kurz. Ihr Lächeln erlosch, sie schaute über meine Schulter, strahle nun wie ein AKW im Notfall, tirilierte in den höchsten Tönen:
“ Ach, da ist ja der zauberhafte Herr von der Ohe“, drehte mir den Rücken zu und beachtete mich von da mit weniger Interesse als einen Kuhfladen. Herr von der Ohe ist der hiesige SPD-Oberbürgermeisterkandidat, von dem man nach dessen Desaster nach der hiesigen Kommunalwahl nie wieder hören wird, der sich aber nichtsdestotrotz an alle wehrlosen zivilgesellschaftlichen Infostände in der City ranwanzt. Der Mann hat soviel Charisma wie ein Rechenschieber und seine Mitbonzen sind hier in Hannover in einen unglaublichen Korruptionsskandal verwickelt, der ihnen wie Kuhscheisse am Hacken klebt.
Nachdem mir mein Marktwert derart deutlich vor Augen geführt wurde, brauchte ich Alkohol.
Um die Ecke fand ein Weinfest statt, wo es gute Winzersekte zu verklappen gibt. Es war noch heller Nachmittag, aber über dem Setting waberte eine Wolke von Trunkenheit, Bürgertum und Brunft. Ich bahnte mir einen Weg zum nächsten Chardonnaysekt, da stellte sich mir eine noch halbwegs (?) nüchterne Dame (?) mittleren (?) Alters in den Weg und adressierte mich: „Na, Du Saxophonist?“ Ich bin schon schlagfertig, aber darauf konnte selbst ich nur röcheln: „Das muss eine Verwechslung sein.“ Und suchte und fand das Weite, aber nicht meine Ruhe. What the fuck meint das, Saxophonist? Ist das eine Codierung für Eingeweihte? Eine welterfahrene Freundin vermutete, dass es was mit Blasen zu tun hat.
Nachdem ich danach leicht angeschickert vergeblich ein Paar Sneakers kaufen wollte, hatte ich am Ende des Tages Blasen. An den Füßen. Ich hasse die City. Das Personal im Schuhladen wollte mir allen Ernstes erzählen, sie würden im „System“ Schuhe nur nach Artikelnummer führen, nicht nach Bezeichnung. Echt was für meinen Witze-Verleih….