
Die Hochzeit des Figaro, Staatsoper Hannover, 25.03.2026. Die Musik des Außerirdischen trieb mir wieder die Tränen in die Augen. Tränen in den Augen hatte ich allerdings auch angesichts der beklagenswerten Uneleganz des hiesigen Provinzpublikums und der Verschnarchtheit der heimischen Verantwortlichen für das Singgeschehen. Am gleichen Tag fanden in Hannover, und anderswo, Demos mit ein paar tausend Teilnehmenden gegen digitale Gewalt gegen Frauen statt, anlässlich der Causa Collien Fernandes.
Die Hochzeit des Figaro handelt unter anderem von Gewalt gegen Frauen, nämlich der Absicht des Grafen Almaviva gegenüber Susanna, der Zofe seiner Frau, sich vor deren Hochzeit das „jus primae noctis“ zu nehmen, das Recht der ersten Nacht . Wir reden also über Vergewaltigung. Es wäre ein leichtes gewesen, ein überaus passendes Zeichen der Solidarität mit den Demonstrierenden im oder am Opernhaus anzubringen, auf den Vorhang kurz vor Beginn zu projizieren, was auch immer, der nicht nur technischen Möglichkeiten sind viele. Aber damit war das Haus entweder überfordert oder man wollte das hiesige Bürgervolk nicht vor die alterswackelnden Kalkköpfe stoßen.
Keine zwei Tage in der Provinz und ich krieg ich schon wieder intensives Metropolenheimweh.
Neben den süßen und bitteren Wendungen und Windungen individueller Geschlechterliebe verhandelt die Oper auch zentrale Motive der Aufklärung wie Vernunft, Solidarität, Frauenemanzipation und Klassenwiderstand, in dem Fall gegen Adelsprivilegien. Das siegrieche Fazit, Almaviva steht als Volltrottel da, und die jubilierenden Schlussakkorde trieben mir wieder die Tränen in die Augen angesichts der Fallhöhe zwischen dem ekstatisch-optimistischen Operngeschehen und der immer trübseliger werdenden gesellschaftlichen Wirklichkeit draußen vor der Tür. In Form von: Klingbeil.
Klingbeil. Bei Klang dieses Namens denke ich immer öfter mit wachsendem jakobinischem Furor an das Endgerät der Aufklärung, mit der die Zeitgenossen Mozarts tabula rasa machten: das Fallbeil.
Wenn Schröder der Totengräber der Sozialdemokratie und Scholz deren Sargnagel war, dann ist die niedersächsische Fleischwurst, in Anzug gepresst, Lars Klingbeil, deren Zombie. Ein Untoter, der die postmortalen Zuckungen der Arbeiterklasse live im TV zelebriert.
Klingbeil, ehemaliger Bürobote bei Gerhard Schröder, will laut Spiegel eine Reformagenda durchsetzen, wie es sie seit der Kanzlerschaft Gerhard Schröders nicht mehr gegeben hat. Fehlanreize sollen bei den Sozialleistungen wegfallen, länger arbeiten, Kündigungsschutz einschränken, Mehrwertsteuer erhöhen, Opfer müssen gebracht werden. Das sind nackte Drohungen gegen die, die mangels Maße gar kein Opfer mehr bringen können. Bei Topverdienern soll dafür der Spitzensteuersatz von 42 auf 47 Prozent angehoben werden.
Was für ein sozialrevolutionärer Akt. Unter Helmut Kohl lag er bei 56 Prozent.
Es sind ja nicht nur die großen Politikvorhaben, die Generallinien, oder auch die Gesten, die Ästhetik, die allmeinen Sprachverluderungen des Betriebes, die einen immer müder und gleichzeitig militanter machen. Es ist auch das Kleine:
Wenn ich schon lese, dass man in letzter Zeit immer öfter die schwere Dienstlimousine von Klingbeil vor dem Kanzleramt vorfahren sieht, um dort mit Merz, der ein Nachmärz ist, die weitere Zerschlagung des Sozialstaates zu zelebrieren, kriege ich Pickel im Gehirn. Das Finanzministerium ist 7 Minuten mit dem Rad vom Kanzleramt entfernt. Wieso radelt diese immer mehr aus den Fugen geratene Fleischwurst nicht die paar Meter, um den eigenen Body ein bisschen zu shapen. Wenn es mit der SPD schon nicht klappt.
Die Route würde ihn übrigens über die Ebertstraße und die Paul-Löbe-Allee führen. Beides, Ebert und Löbe, mit Einschränkungen ehrenwerte führende Köpfe der frühen Arbeiterbewegung. Von ehrenwert sehe ich heute nichts mehr.



















