
Reben-Baldachin auf Veranda. Ursprünglich angelegt als Installation. Damit sollte die archaische Vision des Schlaraffenlandes umgesetzt werden, nach der einem die Trauben in den Mund wachsen. Wenn ich zur Erntezeit auf die Veranda trete, sind einzelne Reben tatsächlich in Mundhöhe, ich brauche nur zubeißen, muss keinen Finger krumm machen. Paradiesische Zustände. Mittlerweile hat das Grünzeug im Garten aber durchaus handfeste gesundheitspolitische Aspekte und damit meine ich nicht das angebaute Gras. Sondern die wärmedämmende Funktion der Reben, den Feuchtigkeitsspeicher vom Restgrün, die Sauerstoffproduktion und CO2-Bindung, Förderung der Biodiversität, Bodenschutz, natürliche Düngung, Wasserkreislauf (mehrere Teiche). Das positive Mikroklima merke ich jeden Morgen hautnah, wenn ich, bar meiner Kleidung, durch das Grün streife. Bei unter 20 Grad gibt es tatsächlich selbst bei diesem mörderischen Wetter (und Klima!) Momente, in denen eine leichte, kühle Brise den Körper streichelt und für intensives Durchatmen sorgt.
Ideologiekritisch gesehen ist die Rebeninstallation natürlich auch eine Kritik an unserer Arbeitsgesellschaft. Arbeit ist das zentrale Momentum der Zivilisation, ihr Gründungsmythos und hat überhaupt erst dem Homo sapiens als kontinuierlich zielgerichteter, auf die Mehrung von Wohlstand fokussierter Prozess den Unterschied zu und den Sieg über alle anderen Primaten ermöglicht. Das bedeutete aber auch den Verlust des Paradieses, das ja den Zustand ohne Arbeit beschrieb. In der Bibel heißt es kurz, bündig und präzise nach der Vertreibung aus dem Paradies: „Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot verdienen“. (1. Mose. 3,19)
Ein paar tausend Jahre später, Heute, sieht die Welt wesentlich zivilisierter aus. Da bedeutet der Verlust von Arbeit im aktuellen Normalfall oft eine lebensgeschichtliche Katastrophe, den Verlust der bürgerlichen Existenz, samt 2 Autos, Eigenheim, 2x Urlaub im Jahr. VW plant den Abbau von 100.000 Arbeitsplätzen und die Schließung von 4 Standorten. Unter anderem Hannover. Dort sind 14.000 gut bezahlte Menschen beschäftigt, selbst ein „normaler“ Facharbeiter verdient 60.000 bis 70.000 Euro p. a. Abteilungsleiter zwischen 120.000 und 160.000 Euro p. a. Nicht nur in Hannover, sondern im ganzen Bundesgebiet gibt es auf Grund der dramatischen Entwicklung in der Industrie, auf dem gesamten Arbeitsmarkt, noch nicht mal ansatzweise adäquate Jobs. Was bleibt: Amazon-Fahrer. 32.000 p. a. Da stehen jede Menge Zwangsversteigerungen in den nächsten Jahren an, das Preisniveau bei Eigenheimen wird in Hannover sinken. Eine derartige Vernichtung von Arbeitsplätzen kann selbst VW nicht vollumfänglich sozialverträglich organisieren. Abfindungen früherer Größenordnung können sich Kolleg*innen dann von der Backe putzen. Zur Orientierung: Die Maximalsumme für Abfindungen lag im Tarifbereich bei 450.000 Euro, plus 50.000 Euro Turboprämie für Schnellentschlossene.
Das Paket wird in dieser Form nicht durchgehen. Noch nicht. 2028 vielleicht, wenn die Rezession richtig Fahrt aufgenommen hat. Noch ist die zuständige IG Metall mit einem hohen Organisationsgrad zu stark und das Land Niedersachen als Miteigentümer zu mächtig, um dem zuzustimmen. Noch.
Aber in diesem anstehenden und langwierigen Konflikt wird sich trotz ein paar wehender roter Fahnen die Schwäche vom Rest der organisierten Arbeiterklasse zeigen. Die dann ihr (Sieg-) Heil bei den brauen Fahnen suchen wird.
Ich unke ja hier schon seit geraumer Zeit über den dramatischen Wandel der Arbeitsgesellschaft hin zu einer Kapitalgesellschaft auf der Butterseite des Lebens und einer in der Dunkelheit, derjenigen die von Arbeit befreit sind. Allerdings keinesfalls unter paradiesischen Zuständen. Aber diese Zahl von 100.000, die eben über den Ticker kam, hat selbst eine alte Unke wie mich überrascht. Da bin ich mal auf die ersten Warnstreiks in Hannover, und woanders, gespannt. Besonders in Zwickau. Wird auch dicht gemacht. Da lag der AfD-Anteil bei der letzten Bundestagswahl schon über 40 Prozent. Der Nazi hatte da das Direktmandat gewonnen.
Demnächst auch in ihrer Region.
Nicht auszudenken, wenn jetzt noch die Ostgoten bei der WM früh rausfliegen ….











